Balzverhalten 2.0 – Spotted Fanpages

Spotted Logo

Da stehst du nun. Mit deinem zweieurofünfzig Montags-Menü auf dem Tablett und wirfst deinen Blick in unregelmäßigen Abständen quer durch die längst renovierungsbedürftige Mensa. So langsam kommt das lang vermisste Kribbeln in den Fingern, der Magen sackt leicht ab und du spürst die ersten Schweißperlen auf der Stirn. Die nächsten 4 Sekunden entscheiden, ob du für immer der Typ bleibst, der den Mädels in der Mensa nervös auf die Hinterpartie glotzt oder du für immer zu dem süßen Typ wirst, dem im richtigen Moment der richtige Spruch einfällt um Herzen zu erobern:

„Hey, du… wollt dir nur kurz sagen… dein Lächeln gefällt mir… ähm… liegt wohl an deinen Zähnen… sind wie Sterne… so…ähm… gelb und so weit auseinander.“

Trottel. Dann doch lieber d’Gosch halten. Aber nicht verzagen, denn jetzt gibt es Abhilfe für das völlig überbewertete „Auf-den-Punkt-charmant-und-irgendwie-sympathisch-sein“. Das Balzverhalten im Social Media Zeitalter erhält eine neue Dimension. Ein neues Werkzeug.

Das Zauberwort heißt: Spotted.

Das Prinzip von Spotted Fanpages

Unser unerfahrener Jüngling macht sich also auf seinem klapprigen Damenrad auf den Heimweg und klemmt sich, im Studentenwohnheim angekommen, direkt hinter sein, von der ersten BAföG-Ausschüttung gekauftes, 15″ Macbook Air („Man gönnt sich ja sonst nichts. hehe.“). Unverzüglich logt er sich auf seinem Lieblings-Social Media Network ein: Facebook. Denn wir gehen davon aus, dass er nebenher weder Fotograf, Programmierer oder Social Media Manager ist. Dann wäre er nämlich schon längst begeisterter Heavy-User von Google+. Aber das ist ein anderes Thema.

Tim* (Name von der Redaktion geändert) gibt also seine Zugangsdaten ein und klickt sich direkt durch bis zur Spotted Fanpage seiner Bildungseinrichtung. Dort angekommen schickt er den Betreibern der Seite eine kurze Nachricht, die da ungefähr lautet:

„Liebes Spotted: Uni Schlagmichtot – Team. Bitte helft mir weiter:
Habe mich heute in dich verguckt. Du bist ca. 1,75 groß, schlank und hast lange braune Haare. Außerdem hast du eine dieser Louis Vuitton Taschen mit dir herum getragen. Also vermutlich Erstsemester Jura – oder die Tasche ist ein Fake, dann tippe ich auf BWL. hehe. Habe dich heute in der Mensa zum ersten Mal gesehen. Ich glaube, du hast mir sogar zugelächelt. Ich muss dich wiedersehen!“

Das Redaktions-Team postet den nett klingenden Aufruf auf der besagten Spotted Fanpage und Tim nötigt ab sofort die F5-Taste im 3-Sekundentakt. Denn gleich kommt bestimmt die erlösende Nachricht in Form einer Kontaktanbahnung. Bestimmt. Oder vielleicht auch nicht. Wir werden es nie erfahren.

(Spoiler: Wir werden es doch erfahren.)

Entstehung und erste deutschsprachige Ableger

Soweit zur Funktionsweise. Aber wer denkt sich denn sowas aus? Wer denkt sich Käse aus der Tube aus? Wer denkt sich tiefgefrorenen Orangesaft in Konservendosen aus? Man möge vermuten, dass unsere US-Amerikanischen Freunde hier, wie so oft, Vorreiter waren. Doch weit gefehlt! Denn das Prinzip stammt ursprünglich aus der Uni-Bücherei zu Glasgow und verkuppelt dort schon seit 3 Jahren fleißig die Vollkontakt scheuenden Studenten und Studentinnen.

Im deutschsprachigen Raum hingegen waren – aufpassen, jetzt kommt’s – unsere geschätzten österreichischen Nachbarn die ersten, die diesen Mist diese neue, wahnsinnig tolle Form der Partnerbörse betrieben haben. Allen voran die Spotted Fanpages der Universitäten Wien und Graz.

Die Ösis. Vor uns. Das lassen wir natürlich nicht auf uns sitzen.

Spotted: Uni Stuttgart

Weil wir Schwaben ja bekanntlich überdurchschnittlich sparsam sind, ab und an (wirklich selten!) auch in Schlagfertigkeit, Wort und Witz, ist das Spotted-Prinzip natürlich mittlerweile auch bei uns im Ländle angekommen. Und „voll der Hype, woisch!“. Werfen wir einen Blick in unsere Landeshauptstadt Stuttgart.

Die Spotted Fanpage der Universität Stuttgart verzeichnet momentan 3000 und ein paar Zerquetschte Likes und postet mittlerweile täglich (sic!) im Auftrag chronisch verstummter Flirt-Opfer. Dabei kommen dann so charmante Nachrichten zustande, wie die folgende:

Aha. Sie kommt also direkt vom Kacken die Toilette runter und unser lerneifriger Physik-Nerd verliebt sich sofort. Wie romantisch. Aber was sind denn bitte „lange“ Haare? Und „stecknadel aussehende“ Augen? Ach, und: „Ich sehe dich öfters von mühlacker einsteigen.“ Stalker auch noch. Na Prost, Mahlzeit!

Okay, er war vermutlich aufgeregt. Und außerdem erfindet er innerhalb seiner Wochenend-Arbeitsgruppe sowieso gerade so ein krasses Laser-Objektiv-Aufsatz-Ding für Smartphones mit dem man ganz einfach durch Kleidung hindurch… Genug. Es gibt auch schönere Beispiele. Bitteschön:

Na also, geht doch. Bleibt nur zu hoffen, dass sich der blonde Jüngling (G8 stinkt…) in dieser Nachricht wiedererkennt und bereit ist für „Sie“ den Friseur zu wechseln. Viel Glück!

Spotted. Und dann?

Spotted trifft also anscheinend einen Nerv der heutigen Generation X, Y, ungelöst. In Zeiten in denen unser sozialster Kanal, das Gespräch von Angesicht zu Angesicht, immer weiterhin in den Hintergrund gerückt wird und Social Media gefühlt gar nicht so „Social“ sind wie sie klingen, sehnen wir uns ja irgendwie trotzdem, vielleicht umso mehr, nach der Nähe des Anderen. Nur ohne diesen ganzen verquirlten Anbahnungsprozess. Ohne dieses ganze unpraktische Erröten, Verstummen, Zittern, Beben und Bangen.

Und was kommt als nächstes? Vielleicht müssen wir uns bald gar nicht mehr „in echt“ begegnen um unseren Facebook Status auf „In einer Beziehung“, oder zumindest auf „Es ist kompliziert“ zu setzen?

Geil. Vielleicht gehen wir ja sogar noch einen Schritt weiter. Ich sehe es schon vor mir:

„Tim hat bei Nina eingecheckt“.

Haben wir es doch noch erfahren.

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Christian

Kurz zu mir: Als Social Media Community Manager der Firmengruppe Liebherr betreue ich die verschiedenen Firmen-Auftritte auf Facebook, Twitter, Instagram, Google+ und YouTube. Daneben blogge ich hier über Social Media Marketing, Online Marketing und sonstigen digitalen Schabernack.

Kommentar (1) Schreibe einen Kommentar

  1. ca. 15 Jahren…vielleicht -:) ?!
    Das Smartphone meldet keine Aktivität! Kein Social Check, kein QR Code gescannt, whatsup ruht, keine Meldung aus einem Shop abgerufen, keine Anrufe empfangen oder getätigt – seit mehr als 60 Minuten – aber das Smartphone ist an. Dann setzt das Smartphone an alle Freunde, alle Familienangehörigen, mit den aktuellen Geodaten des Smartphones, eine „Emergency“ Meldung ab. Gleichzeitig wird die „VitalCheck“ Zentrale informiert und die Meldung an nächstgelegene „VitalCheck“ Fahrzeuge gemeldet. Kommt innherhab der nächsten 15 Minuten keine Rückmeldung von Freunden oder Familienangehörigen – eilt die Besatzung des VitalCheck Fahrzeuges zur bekannten Position des Smartphones und hofft – Das Smartphone ist noch in der Hand eines lebenden Menschen :-)…….
    …der dann in der Folge automatisch Meldungen von Psychoprofilpositionierungssocialtrainern erhält. Auf Wunsch, bei Personen des jeweils anderen Geschlechts mit „ähnlichen“ Problemen“, Stupsmichmal“ Meldungen bekommt. Den Platz in der Mensa muss man nicht suchen — das UNINAAVME navigiert zum „passenden“ Platz :-)!

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