Likes gegen den Hunger

Kia-Endpoverty

Tu Gutes und sprich darüber.
Nein. Anders.
Sprich darüber, dass du Gutes tun würdest, wenn man dir zuerst etwas Gutes tut.

So oder so ähnlich lautet momentan der gravierende Ansatz einiger Social Media Verantwortlichen. Die vorweihnachtliche Zeit ist bekanntlich die Spendenhochsaison und bietet sich deshalb natürlich extrem gut für fleißiges Bewerben alberner, roter Gumminasen und „Riesen-Scheck-in-die-Kamera-halten“ an. Der abzugreifende Spendenmarkt ist riesig: Allein im Jahr 2011 betrug das Gesamtvolumen laut Studie des Deutschen Spendenrats ca. 4,3 Mrd. Euro.

Das ist ziemlich genau so viel wie das Bruttoindlandsprodukt 2011 von San Marino, den Malediven und Grönland. Zusammen.

Der ein oder andere Facebook Fanpage Betreiber möchte natürlich von den saisonal bedingten Spendierhosen profitieren und macht den Samariter. Ist doch Ehrensache. Wir helfen doch gerne. Unter einer klitzekleinen Bedingung.

Kia und Worldvision

Das wohl populärste Beispiel des Jahres ist die Kampagne des koreanischen Autobauers Kia in Zusammenarbeit mit World Vision. In der „Endpoverty Campaign 2012″ rief Kia zusammen mit Stars wie David Beckham, George Clooney und dem fast schon heiligen Bono zum Helfen auf. Hier der Clip:

Die Message, welche die bedröppelt drein schauenden Stars hier senden, ist klar. Im Sekundentakt verhungert irgendwo ein Kind. Das ist schlimm. Keine Frage.

Aber noch schlimmer ist die Aufforderung des Kia Marketing-Teams, durch einen einfachen Klick einer hungerleidenden Familie eine Mahlzeit zu spendieren:

Kia Facebook Endpoverty

Die scharfe Kritik, Neudeutsch „Shitstorm“, von Seiten der Fans ließ nicht lange auf sich warten:

„Kia – disgusting.“ Das trifft es ziemlich gut.

Nicht falsch verstehen. Das soll hier und jetzt auch nicht in einer Grundsatzdiskussion enden. Helfen ist gut und absolut notwendig. Aber wo ist die  „eine-Hand-wäscht-die-andere-Grenze“? Facebook Likes im Tausender-Pack auf eBay kaufen ist ziemlich bescheuert. Facebook Likes auf Kosten hungerleidender Kinder zu kaufen ist einfach nur erbärmlich.

Nun muss man aber nicht bis nach Südkorea gehen, um derartige Social Media Ergüsse bewundern zu können. Nein. Auch in unseren Region gibt es ein Paradebeispiel für den schnellen Klick gegen das schlechte Gewissen.

Das Autohaus Knoblauch Ravensburg

Wir bleiben in der selben Branche, wechseln allerdings die Kühlerfigur. Die Facebook Fanpage des Ravensburger Autohauses Knoblauch steht seit Herbst 2012 und ist eigentlich ganz nett gemacht. Man hat beispielsweise die Möglichkeiten der Timeline genutzt, um mit Hilfe von etwas Archivmaterial die Unternehmensgeschichte bis zur Gründung 1984 zu erzählen.

Im Abstand von ein bis zwei Wochen landet aktuell ein Post auf der Pinnwand, in dem man vom Nikolausbesuch oder von neuen Citroen-Konzepten berichtet. Manche würden es ein buntes Pottporie an Unterhaltung nennen, andere würden die Vermutung aufstellen, dass da jemand montags noch nicht weiß, was die Woche auf der Seite landet.

Aber darum geht es hier gar nicht. Es geht um den Post vom 11. Dezember 2012:

Denn in Kooperation mit den Radio 7 Drachenkindern möchte das Autohaus etwas für in Not geratende Kids aus der Region tun. Das ist eine tolle Idee! Aber im Gegensatz zu den anderen fleißigen Helfern auf der Fanpage der Drachenkinder möchten die Knoblauchs hier eine Gegenleistung. So hält man nicht einfach einen übergroßen 500€ – Scheck in die Kamera und hofft auf gute PR. Nein, viel besser. Man staubt die Likes direkt ab. Denn nur bei einem Like der Fanpage geht ein Euro an die Drachenkinder. Selbes Prinzip wie oben. Nur in klein. Allerdings bleiben momentan noch kritische Stimmen aus. Noch.

Dabei ist es doch eigentlich gar nicht so schwierig. Die altbewährte Variante ist beispielsweise eine sichere Bank: An eine Hilfsorganisation der Wahl spenden, übergroßen Scheck beim Finanzinstitut seines Vertrauens ordern, in die Kamera halten und rein damit in die Kanäle.
Keep it simple. Kein Firlefanz. Kein Risiko.

Der Rossmann Spendenmarathon

Geht aber auch aufwändiger. Um nur kurz am Rande zu demonstrieren, welche Möglichkeiten uns Social Media bieten, um eine gemeinnützige Aktion umzusetzen: ein kurzer Blick über den schwäbischen Tellerrand hinaus.

Die Drogeriekette Rossmann schickt momentan ihre Kundschaft für den guten Zweck auf den Rossmann Spendenmarathon. Funktionieren tut das ganze so:

Rossmann Facebook Spendenmarathon auf FacebookDas auf Facebook beworbene Projekt wird mittels dem Location Based Service (standordbezogener Dienst) foursquare realisiert. Kunden legen ihren Heimatort an, machen sich auf den alltäglichen in die Filiale und checken dann über die App bei den Rossmanns ein. Rossmann zählt die gegangenen Kilometer. Je mehr Kilometer zusammenkommen, desto mehr Spenden werden getätigt. Daneben können die fleißigen Kunden Auszeichnungen sammeln und so Geschenkpakete gewinnen.

Den Kunden freuts, da er so beim alltäglichen Einkaufsprozedere noch etwas Gutes tut, und die Marketers von Rossman freuts, da jeder Kunde durch Einchecken automatisch zum Markenbotschafter für Rossmann wird. So ist am Ende allen geholfen.

Für solche Aktionen braucht man allerdings zwei Dinge: Menschen, die so etwas entwerfen und umsetzen können, und Menschen, die so affin sind und diese Services überhaupt nutzen. Ersteres löst die Dirk Rossmann GmbH, indem sie ihr Social Media Etat 2012 an die Agentur EOL Intermedia GmbH abgegeben hat. Check.

Zweiteres muss und wird die liebe Zeit bringen. Aktuell wird die Anwendung von ca. 4000 Nutzern/Monat benutzt. Das ist in Anbetracht der rund 650.000 Fans verschwindend wenig. Aber die Technologie steckt in Deutschland eben noch in den Kinderschuhen. Noch.

Es geht also auch anders. Und das sollte auch der Anspruch sein. Denn mit der Zeit kommt es mir persönlich so vor, als seien die Social Networks gar nicht so Social wie man sie uns gerne verkauft. Und das ist schade. Denn Potential und Möglichkeiten wären ja vorhanden.

Was meint ihr?

 

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Christian

Kurz zu mir: Als Social Media Community Manager der Firmengruppe Liebherr betreue ich die verschiedenen Firmen-Auftritte auf Facebook, Twitter, Instagram, Google+ und YouTube. Daneben blogge ich hier über Social Media Marketing, Online Marketing und sonstigen digitalen Schabernack.

Kommentare (4) Schreibe einen Kommentar

  1. Tolle Aktion von Rossmann! Bleibt zu hoffen, dass sie bei aller Kreativität, auch ihren Kunden erklären können wie es funktioniert. Irgendwie sehe ich da schon eine Diskussion mit Entertainment Faktor an der Rossmann-Kasse vor mir 😉

    Die Idee, beim Spendensammeln die Leute mit einer Aktion zu involvieren, gefällt mir. So wird auch ein Ereignis für jeden daraus. Einfach nur Likes abstauben ist ziemlich daneben. Was ist eigentlich aus Klassikern wie zum Beispiel Auto-Aufklebern geworden? Vielleicht gleich mit QR Codes? Wer die meistens Scans hat gewinnt und jeder Scan spendet? hm… vielleicht auch zu kompliziert…

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  2. Hallo Christian,
    klasse Beitrag. Spricht mir aus der Seele.

    Wie unmenschlich WorldVision im Krisengebiet umgeht, konnte ich 2008 in Norduganda erleben. Bei meinen Ausflügen bis an die sudanische Grenze konnte ich mir auch ein Bild von der unglaublichen Geldverschwendung aller anderen NGO (NichtRegierungsOrganisationen) vor Ort machen. Wir reden von den namhaftesten NGOs wie UNHCR, Rotes Kreuz, WorldVision uvm. Ärzte ohne Grenzen machte noch den besten Eindruck.

    Nach meinem Aufenthalt war klar: Es geht überhaupt nicht darum die Aids-Rate zu lindern, es geht nicht darum Schulen zu bauen, es geht nicht darum ein paar Kinder zur Schule zu bringen.
    Es geht nur um den Erhalt der eigenen Organisation, die zum Teil mit Geld überschwemmt werden und es ausgeben müssen. Es geht um jede Menge Eitelkeiten. In Norduganda spürtest Du regelrecht die Konkurrenzsituation. Keiner gönnte dem anderen NGO den Erfolg. Man sprach nicht mal mit einander. 18 NGOs und keine Koordinierung. Geldvernichtung pur!!!

    Die ganz kleinen, meisten privaten, NGOs hatten keine Probleme miteinander zu reden. Ich erinnere mich an eine „Safari“ (so wurden die täglichen Besuche in den entlegensten Dörfern genannt) wo der Comboni-Missionar und ich mit dem Ärzteteam eines amerikanisch-italienischen NGOs unterwegs waren. Die Autos der Missionare wurde von diesem NGO gewartet.
    Die Comboni-Missionare (Kleinstgruppe in der kath. Kirche) die ich traf waren klasse. Deren Problem. Kein Geld, obwohl sie die Einzigen waren, die in 18 Jahren Bürgerkrieg vor Ort blieben und tausenden, speziell Kindern, das Leben gerettet haben.

    Weiter erinnere mich an eine Megavilla in Gulu. Diese Villa könnte in bester Lage am Starnberger oder Genfer See stehen. Wow! Tritts Du aus dem gigantischen Gartentor, läuft man 100 Meter weiter in die Aidsstation eines kleinen amerikanischen NGOs. Die haben tolle Arbeit geleistet. Den Besitzer der Villa interessierte das überhaupt nicht.

    Im Jahr 2010 hat die Niederländerin Linda Polman ein bemerkenswertes Buch („Die Mitleidsindustrie“) über internationale Hilfsorganisationen geschrieben. Vieles von dem, was Sie schreibt kann ich durch eigene Erlebnisse bestätigen.
    Zum Autohaus: Es ist ein zweischneidiges Schwert mit dem öffentlichen Spenden. Da will man was Gutes tun und wird trotzdem hingehängt. In diesem Fall gehe ich eher von einem positiven Aspekt aus. Frag einfach mal nach. Das ist einfacher. Ein Shitstorm führt nur dazu, dass nie wieder etwas in der Region gespendet wird. Das führt dann wieder zum Shitstorm.

    Ich kenne viele große Spender die gar nicht mehr genannt werden wollen. Warum? Weil Sie nach einer Spendenaktion mit den übelsten Bettelbriefen überschüttet werden. Ich habe solch einen unglaublichen Bettelbrief von der Caritas gelesen. Da ist mir die Kinnlade runtergefallen. Nein, ich bin jetzt noch wütend und entsetzt. Das mag man noch auf den Mitarbeiter schieben, aber die Wortwahl und der Druck der da auf den potenziellen Spender ausgeübt wurde, hat dem Spender jegliche Freude genommen, weiter aktiv zu sein. Oder eben anonym!

    Weiteres Buch über „Die Spendenmafia: Schmutzige Geschäfte mit unserem Mitleid“ von Stefan Loipfinger.
    WARNUNG: Wer weiterhin glaubt, mit seinen Spenden alles richtig zu machen, sollte die genannten Bücher NICHT lesen.

    Meine Lösung: Ich spende nur noch Regional. Nein, es bleibt sogar in unmittelbarer Nähe. Da gibt es tolle Projekte, mit tollen Erfolgen. Das begeistert mich.

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  3. Welcher Zweck rechtfertigt welche Mittel? Ich kann das leider auch nicht völlig „konflicktfrei“ beantworten :-(. Aber mal als Beispiel gedacht – wenn die „Gockelmaschine“ von jedem „click“ z.B.einen Cent in einen Fond einzahlen würde und über dessen Verwendung dann die abstimmen würden, die z.B. von „allen“ gewählt worden sind, würden Spenden über einen „Weg“ generiert, über den sich sowieso alle mal „beclicken“ :-). Bitte – nur eine Idee im Ansatz – hier etwas „rudimentär“.

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  4. Pingback: Facebook Spendeaktion: 1 Like = 4 Euro für die Flutopfer! Lasst uns helfen! | Christian-Mehler.de

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