Social Media Speed-Dating

Mein Facebook Netzwerk

Ich nehme es vorweg: Ja. Ich habe es auch schon getan. Ich war halt einfach neugierig und wollte wissen wie das so abläuft. Also hab ich’s getan. Hat sich anfangs auch irgendwie ganz gut angefühlt. Aber dann wurde es irgendwie leicht unangenehm und mir kamen erste Zweifel…

Was sich anhört wie ein schlechter Epilog aus einem neuen Charlotte Roche Bestseller hat nichts mit schmutzigen Sexualpraktiken oder ähnlichem zu tun. Hier geht’s um Social Media Marketing. Das solltet ihr doch langsam wissen 😉

Genau genommen geht es hier um das seit 2003 existierende deutsche Business-Netzwerk XING (vor 2006 „openBC“) und ein Phänomen, welches ich als angehender Netzwerker momentan sehr misstrauisch beobachte:

XING Kontaktpartys

Ich meldete mich also an einem vielversprechend klingendem Event an und zu einer gesetzten Uhrzeit ging es dann los:

17.58: „Sehr geehrter Herr Mehler, gerne würde ich mich mit Ihnen vernetzen. Ich bin mir sicher, dass sich durch unsere Verbindung bald Synergien entwickeln könnten. Grüße, Herr Soundso.“ – Kontakt bestätigen? Ja, komm. Wie sagen wir Schwaben so schön: „Wa ma hot, hot ma.“

18.01: „Ich sehe, dass Sie auch an der Kontaktparty teilnehmen. Gerne würde ich […], Grüße!“
*Klick* wieder einer mehr in meinem Netzwerk.

18.02: „Bitte um Kontaktbestätigung.“
Hmm.

Nach ca. 5 Minuten habe ich bereits 12 neue Kontakte in meiner Liste. Alles dabei vom Lichtheiler (bitte was?) bis hin zum Senior SAP-Consultant. Ein bunter Mix bei dem, zumindest in den meisten Fällen, die einzige Gemeinsamkeit das Vorhandensein eines XING-Accounts zu sein scheint.

„Strong ties“ und „weak ties“

Schön und recht. Aber ich frage mich nun: Was bringen mir meine neuen Bekanntschaften? Um das objektiv betrachten zu können benötigt es einer kurzen Erklärung zweier zentraler Begriffe aus der Social Network Analyse: den „strong ties“ und den „weak ties“.

Mein Facebook Netzwerk

„strong & weak ties“ in meinem Facebook Netzwerk

Wörtlich übersetzt handelt es sich hier um „starke und schwache Bindungen„. Das sind also Verbindungen (Fachjargon: „Kanten„) zwischen mir und meinen Kontakten („Knoten„). Dabei können diese Verbindungen stark ausgeprägt sein, beispielsweise mein engster Freundeskreis, meine Kameraden aus dem Ravensburger Mops-Zuchtverein oder meine geliebten Biberacher Arbeitskollegen.

Die „weak ties“ dagegen sind zum Beispiel Freunde aus der Abschlussklasse, der frühere Ausbildungsleiter oder meine Großcousine, die ich einmal im Jahr zufällig auf dem Oktoberfest treffe wo sie mir immer wieder aufs Neue erzählt wie toll es ihr in ihrer neuen, hippen Agentur gefällt. Und, dass die gerade einen Praktikant für den Bereich SEO/SEM suchen. Was ich denn so machen würde zur Zeit.

Und genau hier liegt der wesentliche Unterschied zwischen den Verbindungen: Die Verfügbarkeit von neuen, interessanten Informationen. In meinem nahen Umfeld gelange ich selten an wirkliche „Neuigkeiten“. Über meine entfernten Bekannten jedoch erhalte ich Informationen aus Netzwerken, die mir sonst vorenthalten blieben, würde ich mich nur mit meinen mopszüchtenden Kameraden austauschen.

Kontakt-Anabolika: Wachstum um welchen Preis?

Aus dieser Perspektive heraus spricht also für die Kontaktpartys, dass man durch haufenweise neuer Kontakte auch massenhaft Brücken in andere Netzwerk-Cluster schlägt und sich somit neue Informationswege auftun. Doch funktioniert Netzwerken so? Was ist mit der Qualität der Kontakte? Die einen schwören auf diese Kontakt-Spritzen, die anderen verteufeln sie.

Ich möchte nun die Gelegenheit nutzen um zwei Vertreter dieser beiden Lager zu Wort kommen zu lassen:

Andreas Vockrodt auf XING

„Hi Christian,
die Kontaktpartys finde ich hochinteressant. Man kann blitzschnell neue Leute kennenlernen. Was man aus diesen Kontakten macht, muss man dann halt langfristig sehen.“

– Andreas Vockrodt (9.612 Kontakte) / XING-Profil Website

 

 

Oliver Gassner auf XING

Oliver Gassner auf XING

„Ich halte eine Kontkatlegung bei XING dann für sinnvoll, wenn man mehr über den anderen weiß, als in dessen Profil steht: wie seine Stimme klingt, wie er oder sie arbeitet, was für ein Bauchgefühl man beim ersten Kontakt hat oder irgend etwas anderes. Einfach zufällige Onlinebegenungen seinem Kontaktnetzwerk hinzuzufügen müllt nur den Startseitenticker mit Informationen zu, deren Relavanz und Seriosität ich nicht bewerten kann.“

– Oliver Gassner (2.470 Kontakte) / XING-Profil / Blog

 

Ähnlich wie bei der Frage, ob zuerst das Kakao-Pulver in die Milch kommt oder umgekehrt, spalten sich hier also die Gemüter.

Meiner persönlichen Ansicht nach, muss sich jeder selbst darüber klar werden, was er unter dem Begriff „Netzwerken“ versteht. Möchte ich mir einen möglichst großen Verteiler heranzüchten in den ich meine Informationen und angebotenen Dienstleistungen streue? Oder lege ich Wert auf die Qualität meiner Kontakte und den Dialog mit ihnen.

In meinem Fall werde ich mich nicht so schnell wieder an einer Social Media Speed-Dating Party oder Gruppe beteiligen. Die Kontaktliste mit Kunstdüngern und Pestiziden zu bewirtschaften um Xing dann als Newsletter-Tool zu missbrauchen ist nicht das, was ich unter Netzwerken verstehe. Dieses Vorgehen schadet irgendwie letztendlich auch dem Netzwerk selbst. Und das ist bei einem der wenigen, noch erfolgreichen deutschen Social Media Plattformen schade, in Zeiten in denen es sich gegenüber die Konkurrenz namens Linkedin behaupten sollte.

Wie ist eure Meinung? Nutzt ihr Kontaktpartys und entsprechende Gruppen?
Und was kommt zuerst: Kakao in die Milch? Oder Milch und dann das Kakao-Pulver?

Ein freundlicher Gruß aus der Küche!

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Christian

Kurz zu mir: Als Social Media Community Manager der Firmengruppe Liebherr betreue ich die verschiedenen Firmen-Auftritte auf Facebook, Twitter, Instagram, Google+ und YouTube. Daneben blogge ich hier über Social Media Marketing, Online Marketing und sonstigen digitalen Schabernack.

Kommentar (1) Schreibe einen Kommentar

  1. Es gibt noch eine dritte Variante:

    Außerhalb von Kontaktpartys (die ich nicht als Xing-Kontaktpartys bezeichnen würde, weil das Veranstaltungen der Moderatoren, aber nicht von Xing sind) immer wieder Kontaktanfragen stellen und sich mit *Niemals – Kunden* verknüpfen.

    Das führt dazu, daß die problematischen Aspekte (Psychogurus, Affili-Spam, sehr viele Versicherungsvertriebler und Coaches) wegfallen, so daß dieses Problem

    > Einfach zufällige Onlinebegenungen seinem Kontaktnetzwerk hinzuzufügen müllt nur den Startseitenticker mit Informationen zu, deren Relavanz und Seriosität ich nicht bewerten kann

    ebenfalls entfällt. Entweder sind die Kontakte sehr ruhig – oder es finden sich so Leute, die immer wieder relevante Links posten, obwohl ich sonst praktisch nichts von diesen weiß.

    Der Link hierher – wurde gefunden per „Mein Netzwerk“, das bei über 12.000 Xing-Kontakten sehr bunt und heterogen ist. Und das genau dies

    > Brücken in andere Netzwerk-Cluster schlägt und sich somit neue Informationswege auftun

    darstellt: Brücken zu „ganz anderen Leuten“, die mir hochgradig relevante Informationen liefern und die umgekehrt von meinen Informationen (zu dritten Themen, nicht zu meiner Dienstleistung) profitieren.

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